Eine Standortbestimmung autonomer Politikansätze
Wir sind ein Zusammenhang aus dem Umfeld der Roten Flora und schlagen vor, vom 9.-11. Oktober diesen Jahres einen autonomen Kongress in Hamburg zu organisieren. Im Folgenden wollen wir ein Bild davon zeichnen, worum es uns geht, und unseren Aufruf für ein erstes Vorbereitungstreffen vorstellen. Auf dem Treffen wollen wir mit anderen Gruppen diskutieren, ob es ein gemeinsames Interesse an einem solchen Kongress gibt und ob wir einen solche Veranstaltung als lokale Struktur organisatorisch tragen können. Außerdem wollen wir über den Rahmen, einen möglichen Ablauf und inhaltliche Schwerpunkte eines solchen Kongresses sprechen, welchen wir uns als ein offenes, überregionales Treffen von und für Gruppen und Einzelpersonen, die sich auf ein autonomes Selbstverständnis beziehen oder unter einem solchen Label Politik machen.
Mehr Fragen als Antworten
Wie aktuell ist eine politische Selbstdefinition als autonom? Taugt dieser Begriff noch für die diffuse Beschreibung eines undogmatischen linksradikalen Standortes und welche unterschiedlichen Eckpunkte sehen wir darin? Wie erreichen wir bessere Formen von Vernetzung und wie können wir uns inhaltlich stärker in Kampagnen positionieren?
Die Unterschiede in dem, was sich heute als autonom bezeichnet, sind vermutlich meist größer als die Gemeinsamkeiten. Die offensichtlichsten Elemente sind sicher erstmal schwarze Klamotten und ein positives Verständnis von Militanz. Doch es ist klar, dass dies als Klammer keinesfalls ausreicht. Eine Selbstdefinition über ein austauchbares Outfit als Ausdruck eines linken Jugendstils kann durchaus auch als rechter oder unpolitischer Style umcodiert werden, wenn eine weitergehende inhaltliche Bestimmung fehlt.
Irgendwie linksradikal und undogmatisch, gegen hierarchische Organisierungsansätze. Politik aus der eigenen Subjektivität heraus, aber über den eigenen Tellerrand hinaus. Irgendwie unzufrieden mit allem und manchmal hoffnungslos verloren, da eine Revolution die einem die Sterne vom Himmel holt, nicht in Sicht ist. Immer stärker eingebunden in Verbindlichkeiten und Mitwirkungspflichten des globalisierten Alltags und trotzdem redlich bemüht um den Gestus, „unversöhnlich“ mit dem System zu erscheinen. Aber wo liegen sie nun, die inhaltlichen Eckpunkte, wenn wir uns als einen Teil autonomer Bewegungen begreifen?
20 Jahre Rote Flora - 20 Jahre autonome Politik
Diese und andere Fragen wollen wir uns im September zur zwanzigjährigen Besetzung der Roten Flora stellen. Der Umstand, als „rechtsfreier Raum“ einen Großbrand, Vertragsverhandlungen und Ronald Schill überlebt zu haben, ist natürlich ein Grund zum feiern. Aber neben der Feierstimmung macht sich auch leise Melancholie breit. Denn zwanzig Jahre sind neben der Erfolgsgeschichte auch zwanzig Jahre des Scheiterns: Krisenplena, misslungene Sexismusdiskussionen, aufzehrende Hausmeistertätigkeiten, eine zunehmende inhaltlichen Defensive, immer wiederkehrende Fluktuation , das verschwinden von Aktivist_innen und ein heute eher desolater Zustand des linksradikalen Umfeldes.
Entstanden sind Autonome in Abgrenzung zu K-Gruppen und Spontis aus der Anti-Atom-Bewegung Ende der 70er und Häuserkämpfen Anfang der 80er Jahre. Die Besetzung der Roten Flora im Herbst 1989 markiert zeitlich einerseits einen späten Höhepunkt, gleichzeitig aber in Form des Mauerfalls auch einen tiefgreifenden Bruch. Den autonomen Bewegungen gelang es in ihrer Geschichte immer wieder veränderte Bedingungen aufzugreifen und linksradikale Krisen durch Praxis und Kampagnenerfahrung abzufedern. Dennoch: Viele Zusammenhänge, einst die Basis der autonomen Bewegungen, haben sich im Lauf der neunziger Jahre aufgelöst, die weniger gewordenen Gruppen schieben Prozesse auf zunehmend wackeliger Basis an und bedienen dabei teilweise auch eine um sich greifende Konsumhaltung. Andere erklären diese zum Prinzip und verlassen autonome Selbstorganisierungsmodelle zu Gunsten von Labelpolitik und politischer Eventproduktion.
Ausgangspunkt unseres Wunsches nach einem Kongress sind Fragen und Widersprüche, die sich aus der Praxis eines besetzten Zentrums wie der Roten Flora und autonomer Politik ergeben haben. Wir wollen diese aber losgelöst von diesem Projekt thematisieren. Als Widersprüche und Theorieansätze, die sich aus der Bewegungspraxis und den Alltagserfahrungen von undogmatischen autonomen Gruppen ergeben. Die Fragen, über die wir stolpern, teilen wir mit allen, die sich in politischen Kampagnen bewegen, die Besetzungen und Projekte in anderen Städten realisieren, die versuchen der allgegenwärtigen Kultur der Entpolitisierung eine widerständische Haltung entgegenzusetzen.
Was uns interessiert ist die Frage, welche Möglichkeiten der Positionierung uns der Begriff der Autonomie in aktuellen Mobilisierungen bietet. Wie steht es um einen subjektiven Politikansatz vor dem Hintergrund von gesellschaftlichen Bedingungen, in denen (Selbst)Kontrolle allgegenwärtig erscheint.
No more Heros
Wir wollen den Kongress auf drei Stränge eingrenzen, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Grob lassen sich diese unterscheiden in theoretische Grundlagen, Konflikte/Widersprüche/Streit und praktische Organisierung. Wir finden die Mischung dieser Dinge wichtig. Um eine Spezialisierung der Teilnehmer_innen auf Theorie oder Praxis zu verhindern, würden wir vorschlagen, diese zeitlich zu trennen. Auch dem anstrengenden, aber nichtsdestotrotz notwendigen Thema von Konflikten wollen wir einen eigenen Raum bieten.
Wir fänden es schön wenn sich die Teilnehmer_innen weniger mit eingegrabenen Meinungen, als vielmehr mit Interesse an Auseinandersetzung beteiligen. Wir wollen keine Beliebigkeit und es soll sich gerne auch gestritten werden. Aber immer mit Respekt für die Beteiligten, einem Redeverhalten, das auch andere zu Wort kommen lässt.
Sicher ist Kapitalismuskritik ein abstrakteres Thema als autonome Vernetzung, aber auch ein solches Thema kann auf eine Weise thematisiert werden, die nicht ausschließend sein muss. Uns liegt daran, eine Theorie der Praxis zu entwickeln, die sich zwar aktueller theoretischer Versatzstücke und Theorien bedient, aber nicht eins-zu-eins ein akademisches Herrschaftswissen wiederkäut, das in seiner teilweise konstruierten Komplexität eher einer Ruhigstellung von Bewegung dient, statt deren intellektuellen Bereicherung.
Die linke Diskussionskultur hat in den letzten Jahren zunehmend zu einer Trennung von Form und Inhalt geführt. Während theoretische Diskussionen einem Fetisch der Abstraktion folgen, wird die politische Bestimmung von Kampagnen gleichzeitig oft schlichter und verbleibt in einem sich inhaltlich selbst entwaffnenden Bündnis- und Massenansatz. Im Rahmen einer oft verwirrenden Komplexität der gesellschaftlichen Verhältnisse gewinnen dogmatische Denkmuster scheinbar wieder an Attraktivität. Sei es im formelhaften Bezug auf abstrakt vertretene Gesellschaftsmodelle, der Organisierung in Bündnissen, die auf bürgerliche Politikfähigkeit setzen, oder in einer Solidarität mit Chiapas, Tibet, Israel oder Palästina als idealisierende Konstruktionen einer Stellvertreter_innenpolitik. Widersprüche werden in allen Fällen häufig ausgeblendet zugunsten einer gefährlichen Romantik, die abweichende Identitäten und differente Blickwinkel nicht zulässt.
Ambivalente Praxis und schwankende Theorien
Bedeutet der Umstand, dass die Verhältnisse in unserem Bewusstsein vielschichtiger und mehrdeutiger geworden sind, wirklich, dass eine Praxis schwieriger geworden ist? Wir denken, solche Ambivalenz wirkt lediglich dann negativ, wenn wir uns in der weltfremden Sicherheit abgehobener Abstraktion einrichten oder den verlockenden Schlichtheiten ebenso einfacher wie falscher Antworten folgen. Positiv betrachtet stellen Uneindeutigkeiten eine Chance für die radikale Linke dar, denn sie zwingen uns, eine politische Solidarität außerhalb von konstruierten Kollektiven zu entwickeln.
Eine idealisierte Bezugnahme auf Kollektive als Summe vereinnahmbarer Interessen bietet keine Perspektiven für politische Selbstbestimmung, Autonomie oder eine emanzipatorische Entwicklung. Gerade queere Ansätze verdeutlichen die Aktualität und Notwendigkeit subjektiver Politikansätze. Konstruierte Identitäten und Personalisierungen lassen sich in unserem Alltag nicht auflösen, indem wir sie verbal für nichtig erklären, sondern indem wir sie als etwas wandelbares betrachten. Uneindeutig wie wir selbst in unserem widersprüchlichen (Auf)Begehren.
Wir alle sind in unterschiedlicher Weise durchdrungen von den bestehenden Verhältnissen, von Privilegien und Marginalisierung.
Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus sind ebenso mit uns verwoben wie die sozialen und ökonomischen Bedingungen des Kapitalismus. Es ist nicht möglich, sich durch ein reines Lossagen davon zu befreien. Wir sind und bleiben ein Teil der Verhältnisse. Doch wir können sie genau von dieser Position aus auch angreifen, wenn wir uns darin nicht einrichten, sondern temporäre Formen von Kollektivität jenseits ausschließender Festschreibungen entwickeln und unblässig Blicke über den eigenen Tellerand wagen. Unseren wechselnden Standort zum Ausgangspunkt von Solidarität, Kritik und Aufruhr werden lassen.
Das Sein verstimmt das Bewusstsein
Oft werden Versatzstücke linksradikaler Positionen lediglich abgerufen, statt im eigenen Leben kombiniert und rekombiniert. Daraus folgt dann, dass Schlagworte sich bisweilen zu eigenen Gesetzmäßigkeiten verallgemeinern und die Verhältnisse nicht mehr aufdecken, sondern zukleistern.
So kann aus der wichtigen Kritik einer verkürzten Kapitalismuskritik eine pauschale Verurteilung von Kritik an Banken und dem Finanzmarkt enstehen. Aber Banken sind, jenseits von falschen Personalisierungen oder antisemitisch aufgeladener Ressentiments auch ökonomische Machtzentren von realer Bedeutung, die als solche wiederum auf berechtigte Art und Weise angegriffen werden können.
So wird die Parole „Luxus für Alle“ - eigentlich entstanden gegen eine Haltung, dass mit Linksradikalität eine quasi protestantische Verzichtspflicht einhergehen müsse - zur privilegierten Weigerung, den eigenen Lebensstandard und die kapitalistische Produktion von Bedürfnissen in Frage zu stellen. Was den subversiven Prozess der Aneignung zu einem elitären Metropolenvergnügen verkehrt, statt ihn als Angriff auf herrschende Beschränkungen der gesellschaftlichen Teilhabe zu begreifen.
So wird die selbstkritische Betrachtung der Gentrification zu einer Argumentationsfigur, das politische Terrain des Stadtteils gleich ganz aufzugeben. Sie mündet in Gleichgültigkeit gegenüber sozialer Verdrängung und Umstrukturierung, statt eine Strategie und Waffe zu sein, die jenseits von Heimatglück gegen Standortpolitik und städtische Sicherheitsarchitektur gerichtet werden kann.
Die Neuerfindung der Revolte
Wir wollen nicht zurück zu den einfachen Antworten der Vergangenheit und auch keine neuen einfachen Antworten finden. Wir wollen aus den komplexen Widersprüchen, die uns umgeben, eine neue politische Praxis destillieren und uns Hals über Kopf ins Abenteuer stürzen. Im besten Fall soll der Kongress konkrete Impulse für die weitere politische Praxis und Vernetzung von autonomen Gruppen liefern.
Wir wollen autonome Politik reflektieren, indem wir Theorien auf ihre Praxistauglichkeit überprüfen und unsere Praxis gleichzeitig auf Inhalte hinterfragen. Dies kann nur gelingen, wenn sich viele auf eigenständige Art und Weise an diesem Kongress beteiligen. Wichtig ist uns, das Ganze nicht als Streben nach inhaltlicher Hegemonie oder als reines Forum zur Durchsetzung von Positionen zu betrachten, sondern vor allem als Chance eines heterogenen Blicks auf den Stand der Bewegung.
Wir sind für das Treffen in Hamburg an einem überregionalen Feedback interessiert. Sofern ihr Interesse an einer Beteiligung an einem solchen Kongress habt, sendet uns doch eine kurze Email, wie dieses gelagert ist bzw. wie ihr die Idee grundsätzlich findet.
Kontaktadresse:
aufstand-ist-ein-argument@nadir.org
Ein möglicher Ablauf des Kongresses im Oktober:
Freitag 9.10.09
19 Uhr Auftaktveranstaltung
- Vorstellung des Kongressprogramms -> der AGs und Orga
- Einleitende inhaltliche Beiträge zum autonomen Sebstverständnis und Organisierungskritik
danach Diskussion in der Großgruppe
Samstag 10.10.09
10-13 Uhr AG Schiene 1
Freiraum
15-18 Uhr AG Schiene 2
Freiraum
20 Uhr Aktions- und Praxisschiene
22 Uhr Party/Konzert in der Roten Flora
Sonntag 11.10.09
10-14 Uhr AG Schiene 3
Freiraum
15-19 Uhr Abschlussveranstaltung
-Kurzvorstellung der AG-Diskussion
-Perspektivdiskussion
Möglicher Aufbau und Fragestellungen von AGs
Schiene 1: Systemkritik
Kapitalismuskritik & Patriarchat
Autonomie als politisches Selbstverständnis
Gentrifizierung und Stadtentwicklung
Nationalismus und Globalisierungskritik
Sicherheitspolitik und EU
Migration & Flüchtlingsarbeit
Linksradikaler Antimilitarismus
Antifaschismus
Definitionsmacht
Schiene 2: Widersprüche
Umgang mit Vergewaltigungen und Sexismus
Nahostkonflikt / Antisemitismus
Drogenverbotspolitik und Umgang in der Linken
Hierarchien in politischen Prokjekten
Queere Bezugnamen und Widersprüche
Kulturkämpfe / Ein- und Ausschlüsse in sub kulturellen Stilen
„Realpolitische“ Zielsetzungen vs. „radikaler“ Kritikstandpunkte
Prekarisierung, Kollektiv, Festanstellung - Arbeitszwänge
Freiraumbegriff, autonome Zentren und besetzte Häuser
Schiene 3: Aufbrüche
Bündnispolitik vs. eigenständige Mobilisierungen
Antirepressions- und Soliarbeit
Propaganda- und Druckworkshop
Offene Treffen und Organisierungsdiskussion
Autonome Vernetzung (lokal und überregional)
Internationale Kampagnen und Mobilisierungen
Alternative Demo und Aktionsstrategien
Die AGs und der Ablauf sind bisher nur Denkanstösse. Stattfinden wird nur das, was später von Euch vorbereitet wird. Wir wollen mit dieser Struktur lediglich einen Vorschlag skizzieren, um den Rahmen deutlicher zu machen.